Erziehungshalsband – Sinnvoll oder schädlich?

Immer mehr Menschen erfüllen sich den Traum vom Hund. So finden immer mehr Hunde, ob als Welpe vom Züchter oder als erwachsener Hund aus dem Tierschutz, ein zumeist liebevolles Zuhause. Vor allem beim ersten Hund fehlt die Erfahrung zum Thema Hundeerziehung. Treten Probleme auf, greifen viele zum empfohlenen Erziehungshalsband. Doch welche Schäden richten diese Halsbänder an?

Mein erster Hund – eine Herausforderung

Bevor sich mein Mann und ich unseren ersten Hund ins Haus holten, informierten wir uns ausführlich. Vor allem überlegten wir, welche Eigenschaften er mitbringen sollte. Das Ergebnis war ein sportlicher, mittelgroßer und wachsamer Hund. So fiel unsere Entscheidung auf den Appenzeller Sennenhund. Die Suche nach dem richtigen Züchter war ein genauso spannendes Erlebnis wie die Wochen des Wartens, bis der Welpe bei uns einziehen durfte.

Die Jahre zogen ins Land und der junge Mann stellte mich vor so manche Herausforderung. Heute ist er jedoch ein erfolgreich ausgebildeter Rettungshund und wir wuchsen zu einem tollen Team zusammen. Obwohl er rassebedingt nicht unbedingt den einfachen Vertretern seiner Art angehört, kam ich all die Jahre ohne Erziehungshalsband und andere aversive Mittel aus.

Dass es nicht nur bei einem Hund blieb, ist wohl selbstverständlich, und so bereichern noch eine Malinois- und eine Airedale-Hündin unser Leben. Drei in sich absolut verschiedene, nicht unbedingt einfache und temperamentvolle Charaktere, die ohne den Einsatz eines Erziehungshalsbands unbeschwert ihr Hundeleben genießen.

Warum setzen Hundehalter Erziehungshalsbänder ein

Der Einsatz eines Erziehungshalsbandes hat viele Gründe. Für einen Hundehalter ist es die einzig überzeugende Lösung und für den anderen der angeblich schnelle Erfolg. Den Hund gefügig zu machen, um im Sport die maximale Punktezahl zu erreichen ist ebenfalls eine von vielen Motiven. Für dich ist es vielleicht der letzte Strohhalm, um deinem Hund die Leinenaggression, das kontinuierliche Bellen oder das Jagdverhalten abzugewöhnen.

Ein Erziehungshalsband ist tatsächlich nur ein Strohhalm, der bei nächster Gelegenheit knickt. Denn viele mit Erziehungshalsband trainierte Hunde kanalisieren das durch ein Zwangsmittel gehemmte Verhalten in andere Verhaltensweisen. Das Repertoire reicht von verdeckten Angststörungen bis hin zur offensiven Aggression.

Obwohl diese Auswirkungen bekannt sind, sehe ich immer häufiger ein Erziehungshalsband an Hunden. Oft propagieren sogar Hundeschulen diese Art von Halsbändern. Anstelle sich einzugestehen, dass die eigene fachliche Kompetenz nicht ausreicht, um das Problem zu lösen.

Erziehungshalsband in verschiedenen Ausführungen

Es gibt nicht nur das eine Erziehungshalsband, sondern eine große Auswahl mit unterschiedlich hohem Zwang oder Schmerz, den es auf den Hund ausübt.

– Stromreizgerät, auch als Teletakt bekannt
– Stachelhalsband
– Antibellhalsband
– Cesar Millan Halsband
– Halti
– Stromhalsband kombiniert mit unsichtbarem Zaun
– Kettenwürger
– Würgehalsbänder, aus sehr dünnem und festem Material ähnlich  Metallschlingen

Jedes Einzelne dieser Halsbänder fügt dem Hund mehr oder weniger starke Schmerzen oder massive Schreckreize zu. Stachelhalsbänder, unter der Bezeichnung Korallenhalsband im Handel, sowie dünne Würgehalsbänder sind dafür prädestiniert, zusätzlich zur Atemnot und zum Schmerz, schwerste Verletzungen zu verursachen.

Besonders perfide ist das Collar von Cesar Millan. Dabei handelt es sich um ein sehr dünnes Würgehalsband. Dieses ist unauffällig in eine extrem breite Halsbandkonstruktion integriert. Zieht der Hund, verengt sich das Halsband und löst im oberen Nackenbereich einen zumindest unangenehmen bis sehr schmerzhaften Reiz aus. Gleichzeitig empfindet der Hund ein Würgegefühl.

Eine Ausnahme bildet das Vibrationshalsband bei Hunden mit Handicap. Sorgfältig und mit Wissen aufgebaut ist es ein hervorragendes Instrument, um blinden oder tauben Hunden ein unbeschwertes Leben zu ermöglichen. Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau des Signals und die Verknüpfung mit der erwünschten Handlung muss jedoch in sehr kleinen Schritten erfolgen.

Kleiner Exkurs in die Lerntheorie

Hunde lernen auf verschiedenste Art. Dazu zählt die klassische Konditionierung, bei der zwei Reize miteinander gekoppelt werden. Ein Beispiel ist der Rückruf mit der Pfeife. Hier lernt der Hund, dass der Pfiff als neutraler Reiz einen positiven bereits bekannten Reiz, Spiel oder Futter, verspricht. Weitere Möglichkeiten sind die operante Konditionierung, über Assoziation oder diskriminative Reize. Als Hundehalter bedienen wir uns jedoch bevorzugt der operanten Konditionierung und arbeiten dabei mit Verstärkung oder Bestrafung. Wobei der Schwerpunkt auf der positiven Verstärkung liegt. Die negative Strafe kommt in der konsequenten Hundeerziehung unvermeidlich hinzu; klingt aber schlimmer, als sie tatsächlich ist.

Was bedeuten nun diese Begriffe und wie wirken sie sich aus?

Positive Verstärkung
Der Hund erhält etwas Angenehmes wie Futter, Spiel, Lob, Zuwendung.
Auswirkdung: Freude, positive Erwartungshaltung, Motivation zur Wiederholung

Negative Verstärkung
Der Hundeführer setzt einen für den Hund unangenehmen Reiz wie Wegsperren, Druck auf den Körper etc. Dieser wird erst dann entfernt, wenn der Hund sich richtig verhält.
Auswirkung: Frust, Unsicherheit, Vertrauensverlust

Positive Bestrafung
In diesem Fall wird ein ein aversiver, also mit Gewalt verbundener, Reiz hinzugefügt, wie ihn ein Erziehungshalsband ausübt.
Auswirkung: Angst, Aggression, Frust, Unsicherheit, Vertrauensverlust, Fehlverknüpfungen, Depression, Mutlosigkeit

Negative Bestrafung
Wir entziehen dem Hund etwas Angenehmes oder enthalten es ihm vor. Beispiel: Mein Hund bellt mich an, um etwas zu erreichen. Ich ignoriere ihn allerdings und entziehe ihm meine Aufmerksamkeit.
Auswirkung: zumeist nur leichter Frust, Motivation zur Lösung steigt, um das Objekt der Begierde zu erhalten (Beispiel Shaping).

Die positive Verstärkung und die negative Bestrafung erfolgen durch einen positiven Stimulus, während die positive Bestrafung und die negative Verstärkung auf einem aversiven Stimulus basieren.

Erziehungshalsband als positive Bestrafung

Welches Erziehungshalsband zum Einsatz kommt: Es ist immer eine positive Bestrafung. Denn bei Fehlverhalten fügst du deinem Hund etwas sehr Unangenehmes hinzu. Dass es schon sehr unangenehm sein muss, liegt auf der Hand. Denn immerhin erwartet der Hundehalter, dass der Hund seine eigenen Interessen hinter die des Menschen stellt.

Daraus ergibt sich, dass der auf den Hund ausgeübte Reiz wesentlich höher sein muss, als die aktuelle Motivation des Hundes für sein Interesse. Der Stromschlag aus dem Erziehungshalsband muss so intensiv sein, dass ihn der Hund während seiner Hetze hinter dem Wild wahrnimmt. Dies gilt ebenfalls für Sprühhalsbänder und alle anderen Erziehungshalsbänder: Der eingesetzte Reiz muss den Schutzwall aus ausgeschütteten Hormonen durchdringen.

Vor allem bei Stachel- und Würgehalsbändern kommt es zur Abstumpfung des Reizes und er muss ständig erhöht werden, um eine Wirkung zu zeigen. Das Ergebnis sind schwerste Verletzungen bis hin zum Tod des Hundes durch Ersticken.

Psychische Gesundheit und Erziehungshalsband

Erziehungshalsbänder wirken sich nicht nur auf die körperliche Gesundheit eines Hundes aus, sondern auch auf sein psychisches Wohlbefinden.

Oft führt ein Erziehungshalsband zu offensiver Aggression gegenüber der Umwelt oder einzelnen Situationen, da der Hund keinen Ausweg mehr sieht, sich gegen Schmerzen, Zwänge und unangenehme Reize zu wehren. Vor allem die offensive Aggression gegen die gesamte oder gegen Teile der Umwelt des Hundes kann schwere und nicht mehr regulierbare Folgen nach sich ziehen.

Genauso kann es sein, dass sich der Hund in seine innere Höhle zurückzieht. Er wirkt ängstlich, mutlos und beschwichtigt den Menschen alleine bei dessen Anblick. Ein Verhalten, das unter Umständen ohne wahrzunehmende Ursache ebenfalls in Aggression umschlagen kann.

Fehlverknüpfung mit fatalen Folgen

Ein genauso großes Problem ist die Fehlverknüpfung. Das bedeutet, dass der Hund über das Erziehungshalsband zum falschen Zeitpunkt oder in der falschen Situation bestraft wird. Ein Beispiel ist das Erziehungshalsband im Falle einer Leinenaggression.

Dein Hund begegnet einem Rivalen. Bereits bei dessen Anblick versteift er sich und geht nach vorne. Zeitgleich verspürt er einen scharfen Schmerz oder für ihn unangenehmen Reiz. Er ist allerdings aktuell nicht in der Lage, dies mit seinem Verhalten zu verknüpfen. Für ihn trägt der entgegenkommende Hund, ein über den Weg laufendes Kind oder anderes Objekt die Verantwortung für diesen Schmerz.

Wundere dich also nicht, wenn dein über ein Erziehungshalsband trainierter Hund plötzlich ein laufendes Kind anfällt und verletzt. Der Hund hat es genauso gelernt.